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Kirchenmusik
Seit über 30 Jahren auf der Orgelbank
 
Was wäre die schönste Kirchenorgel, ohne jemanden, der bereit und in der Lage ist, die Königin der Instrumente zu bedienen? Hartmut Eckardt ist der Mann, der notfalls weiß, wie alle Register gezogen werden.

Wenn alle Register gezogen werden

Sein Platz ist die Orgelempore. Er wirkt im Hintergrund. Zu Überhören ist er trotzdem nicht. Kein Kirchenfest, kein Gottesdienst, keine Taufe, keine Hochzeit und keine Beerdigung ohne ihn. Bei Wind und Wetter macht er sich auf den Weg, wenn sein Dienst an der Orgel gefragt ist. Seit 1972, als er die unvergessenen Judenbacher Kantoren Edwin und Friedrich Steiner auf der Orgelbank ablöste. „Das sind nun schon über 30 Jahre und die erste Zeit war ich noch mit dem Motorrad unterwegs, mit Lederjacke und Sturzhelm bei Schnee und Regen, oft glatter Straße, von Heinersdorf den Berg herauf,“ erinnert sich Hartmut Eckardt.

Musik im Blut

Die Musikalität wurde ihm allem Anschein nach in die Wiege gelegt. Der Vater Georg, der Onkel August - alles begnadete Klavierspieler und Blasmusikanten. Eine echte Musikerfamilie. Schon der Großvater war Organist in der Marienkirche, später der Vater.

Dass echte Kirchenmusiker für alle Fälle des Lebens gut sind, weiß die Ehefrau Erika: „Das waren damals noch Zeiten. Wenn in Heinersdorf nichts los war, gabs für die Dorfjugend nur eins: Auf zu Wertsnand! Da wurde gesungen, getanzt und gelacht."

Das Wichtigste vom Vater Georg abgeschaut

Musikschulausbildung und Konservatorium waren in einer Bauernfamilie nicht üblich. „Ich habe mich von ganz allein ans Klavier gesetzt. Und wenn ich etwas nicht verstanden habe, konnte ich meinen Vater fragen - der hat mir alles erklärt, vom Fingersatz, über Harmonien bis hin zur Notenlehre."

Der Familientradition verpflichtet

Gegen Familientraditionen kann man sich nicht wehren - auch wenn manchmal die Zeit knapp wird zwischen Familie, Beruf, Landwirtschaft, Blasmusik und Orgeldienst.

Als Organist wird der ganze Mann gefordert

Zum Glück war der Neuenbauer Bürgermeister Obertür bereit zur Kirmeszeit unsern Hartmut von den Ständchen zur Taufe nach Judenbach und wieder zurück zu fahren. Doch manchmal hält das selbst der stärkste Mann nicht aus. „Das hat damals wohl in ganz Sonneberg die Runde gemacht, wie Hartmut zur Kirmeszeit auf der Orgelbank eingeschlafen ist, während Pfarrer Eckardt predigte,“ erinnert sich Erika Eckardt. „Ich habe den Pfarrern genug ausgeholfen,“ kontert Hartmut. Während eines Gottesdienstes in Judenbach musste Pfarrer Dr. Reich aus Oberlind einem dringenden Bedürfnis nachgehen. Auch Pfarrer sind schließlich Menschen. „Hartmut, spiel bis ich wiederkomme die 15 Strophen von ‘Geh aus mein Herz und suche Freud, in dieser schönen Sommerzeit’“. Hat ja vom Inhalt her ganz gut zur Situation gepasst. Aber als nach 15 Strophen Pfarrer Dr. Reich noch immer nicht aufgetaucht war, wurde der Choral in seiner ganzen Länge und Schönheit noch einmal intoniert und manch starker Sänger unter den versammelten Judenbacher Kirchgängern war nach dem Gottesdienst etwas heiser. „Es ist auch schon vorgekommen, dass ein Pfarrer gar nicht zum Gottesdienst gekommen ist. Der Winterdienst hatte die Straßen nach Heinersdorf nicht frei bekommen. Wir haben die Leute nicht einfach so nach Hause geschickt, sondern immer ein Vaterunser gebetet.“

Kantor - ein geistliches Amt

Spätestens hier wird deutlich, dass der Organistendienst ein geistliches Amt ist. Zwar von der Orgelempore aus im Hintergrund, aber unüberhörbar allein Gott zur Ehre. Auch wenn Hartmut Eckardt alle Choräle und fast alle Orgelmusiken von Bach über Mozart bis Liszt vom Blatt spielt - die Stunden, die er für diesen ehrenamtlichen Dienst aufgebracht hat, können nicht gezählt werden.

Der Nachwuchsorganist
 
Falk Motschmann  *1982,  spielt seit 6 Jahren Orgel an der St. Nikolauskirche in Judenbach. Thomas Freytag hat mit ihm über seinen Werdegang und seine Motive gesprochen.

Wie hat alles angefangen?

Zuerst hatte ich ein Keyboard. Seit 1999 nehme ich Unterricht an der Orgel. Kantor Drafehn war mein erster Lehrer. Noch als Schüler bin jeden Freitag mit dem Bus nach Sonneberg gefahren. Meine Kumpel haben hinterher gewunken. Die gingen zum Fußballspielen. Im Heilig Abend Gottesdienst 2001 durfte ich zum ersten Mal auf der Judenbacher Orgelbank Platz nehmen. Kantor Hartmut Eckardt sollte entlastet werden. Der wollte an diesem Tag noch zwei Gottesdienste bespielen. Ich war ziemlich aufgeregt - neben mir der Männerchor - die Kirche brechend voll. Das vergesse ich nie.


Junge Leute mögen Rock- und Pop – Musik. Du spielst Orgel - Händel, Bach und Choräle?

Das Instrument hat mich schon als Kind fasziniert. Ich war gerne auf der Orgelempore und habe Hartmut Eckardt beim Spielen zugeschaut. Das wollte ich auch können.

Falk, ich habe dich auch als regelmäßigen Kirchgänger kennen gelernt.

Das stimmt. Wenn ich es einrichten kann, besuche ich sonntags den Gottesdienst, nicht nur, wenn ich Orgeldienst habe. Ich mag die Atmosphäre, den Kirchenraum, die Musik. Außerdem ist der Glaube für mein Leben sehr wichtig. Begonnen hat das mit meinem Großvater. Der hat mich oft in die Kirche mitgenommen. Später haben mich meine Schulkameraden motiviert, die Konfirmandenstunden zu besuchen. Mein Konfirmationsgottesdienst hat mich schwer beeindruckt. Seit dem ist Kirche für mich wichtig.

Die Konfirmandenzeit hast Du bei Pfarrer Eckardt erlebt. Was gab es denn da Interessantes?

Wir haben über das Leben gesprochen und über den Tod, die Bibel, das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis, die liturgischen Abläufe des Gottesdienstes. Auch wenn sich das jetzt so trocken anhört: Pfr. Eckardt hat das sehr jugendlich gestaltet. Es gab oft etwas zu lachen. Das hat mir alles sehr gefallen. Dass wir als Konfirmanden Lesungen im Gottesdienst übernehmen durften. Ich hatte den Eindruck, hier wirst du ernst genommen. Später war ich als Zivi im Pfarramt und hatte Gelegenheit die Arbeit eines Pfarrers aus nächster Nähe zu erleben.

Falk, zurück zur Musik. Du spielst ja nicht nur Orgel. In Neuenbau bedienst Du auch das Harmonium.

Ja, daran musste ich mich erst gewöhnen. Das ist ein ganz anderes Instrument. Aber ich bin gern in Neuenbau. Da ist alle 4 Wochen eine nur kleine Gemeinde versammelt. Trotzdem hat man den Eindruck, den Menschen etwas zu geben in dieser feierlichen Stunde. Es ist nicht nur die Mühe, die man sich macht. Ich bekomme auch viel zurück.

Es geht also nicht nur um Musik?

Ja, ich spiele nicht zum Selbstzweck und schon gar nicht wegen des Geldes. Mit den 10 Euro, die ich für den Orgeldienst bekomme, bin ich vollauf zufrieden. Ich mag die Kirchenmusik nicht nur, weil ich sie gerne höre und spiele, sondern weil ich mit den Orgelstücken und den Liedern auch Botschaften weitergeben kann, die mir wichtig sind. Wenn ich die Choräle vor den Gottesdiensten übe, lese ich mir jedes Mal die Texte durch und überlege, welche Geschichte dahinter steht. Ich finde es schon spannend, dass manche 300 Jahre alte Lieder heute über aus aktuell sind. Sie sprechen die Tiefe des menschlichen Lebens an.

Falk, letzte Frage: Wenn Du einen Wunsch offen hättest?

Zuerst wünsche ich mir, dass die Judenbacher stolz sind auf ihre neu restaurierte Orgel. Denn es gibt in Thüringen sehr viele Orgeln, die in schlechtem Zustand sind. Außerdem wünsche ich mir, dass die Gottesdienste besser besucht werden. Ich kann das aus eigener Erfahrung sagen: Wer dieses Angebot nicht wahrnimmt, der verpasst einfach etwas.