Andacht

Von Kantor Matthias Erler

„Maria durch ein Dornwald ging“

ist eines meiner liebsten Adventslieder. Es ist kein pompös daher kommendes wie „O du fröhliche”, sondern es kommt ganz still, beinahe intim daher, auf jeden Fall melancholisch.Passend zur Adventszeit, die ja eigentlich keine hektische, sondern eine stille und besinnliche Zeit sein soll – wünschen wir uns doch immer wieder genau diese besinnliche Vorweihnachtszeit. Wenn dieses Lied erklingt, dann ist es nicht mehr lange bis Weihnachten.

Doch was steht hinter der Geschichte der Maria im Dornwald?

Maria, das junge Mädchen, hatte Besuch von einem „Engel” bekommen, der ihr erzählte, daß sie schwanger würde, ein Kind gebären und es Jesus nennen würde.

Maria fragt den Engel „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“ Sie ist noch Jungfrau. Sie erschreckt bei der Botschaft, die der Engel ihr bringt und überlegt, was all das zu bedeuten hat. Dann aber – auf Grund des Hinweises auf Elisabeth, ihre Verwandte – und als der Engel sagt „Für Gott ist nichts unmöglich“, ist sie bereit und spricht ihr Ja: „Mir geschehe, wie du es gesagt hast.“

Das ist nun einige Wochen her...

Maria besucht ihre Cousine Elisabeth, wie es in der Bibel  (Lukas 1, Verse 39 – 45) beschrieben wird. Die kinderlose Elisabeth, eigentlich für's Kinderkriegen schon viel zu alt, ist – wie Maria auch – auf wundersame und dennoch unerklärliche Weise schwanger geworden

Interessanterweise spricht das Lied gar nicht von der Begegnung der beiden schwangeren Frauen, nicht von der Begrüßung oder was sie miteinander sprechen. Das Lied handelt vielmehr vom Weg, zu dem Maria sich aufmacht. Im Grunde ist es nur der erste Vers der Bibelstelle, der Vers 39, der im Lied eine Rolle spielt. Er lautet: „In diesen Tagen machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa.“ Es ist dieser Weg oder besser gesagt diese Wanderung über das karge Bergland von Judäa, die im Lied weitergedacht und ausgemalt wird. Gut 100 km beträgt die Wegstrecke von Nazareth nach Ain Karim, dem heutigen En Kerem, 6 km von der Jerusalemer Altstadt entfernt, wo der Priester Zacharias mit seiner Frau Elisabeth wohnte. Gut 100 km übers Gebirge. Kein Spaziergang! Drei stramme Tagesmärsche! Nicht nur ein weiter Weg, auch kein leichter Weg, schon gar nicht für ein 14 jähriges Mädchen, das auch noch schwanger ist. Ein mühevoller Weg, sehr beschwerlich und nicht ungefährlich.

 

Das Lied erzählt aber nicht nur, sondern es „malt” auch Bilder: Der „Dornwald” steht für Hindernisse, Anstrengungen, Gefahren. Ein Ort ohne Durchkommen.Baumhohe Dornenhecken; bei jedem Schritt kann man hängen bleiben und sich (schwer) verletzen, sich weh tun. Ein solcher Weg ist eine Herausforderung – für Maria und für uns. Wer von uns kennt sie nicht, die Erfahrungen eines „Dornwaldes”? Böse, falsch und gehässig die Worte oder Blicke, Hilflosigkeit, Ohnmacht, Isolation, Angst,  bitter und traurig die Erfahrungen mit anderen Menschen.  Der Dornwald – das ist  unsere Welt mit all ihren Widersprüchlichkeiten, Widerständen und Grausamkeiten

Dann heißt es im Lied, daß dieser Dornwald sieben Jahre kein Laub getragen hat. Sieben Jahre keine Blüten, keine Blätter, keine Früchte. Sieben Jahre Siechtum, Elend, kein Leben, nichts Grünes, kein Erblühen mehr. Sieben Jahre abgestorben, vertrocknet, dürr, im Grunde genommen tot. Sieben Jahre lang! Nach menschlichem Ermessen ist da nichts mehr zu erwarten. Die Situation ist hoffnungslos, aussichtslos, komplett trostlos. Wie oft gibt es das auch in unserem Leben? Tausend Gründe, zu resignieren. Zeiten der Unfruchtbarkeit, das Gefühl der Leere, des Ausgebrannt-Sein. Solche Zeiten können einem wie eine Ewigkeit vorkommen. Situationen, in denen nichts mehr zu machen ist. Nichts tut sich, nichts geht voran. Es ist wie ein Treten auf der Stelle. Situationen, in denen sich unser Lebensraum verdunkelt und uns Angst überkommt, Zukunftsangst, Existenzangst. Situationen, in denen wir uns nicht mehr zurecht finden, ohne Orientierung sind, nicht mehr ein und aus wissen. Situationen, wo wir vielleicht nur noch rufen können: „Kyrie eleison – Herr erbarme dich!“

Das Adventslied zeigt uns, woran wir uns halten können. Maria zeigt es uns: an Gottes Erbarmen.

„Was trug Maria unter ihrem Herzen?“ - Die Blickrichtung ändert sich. Nicht mehr der dunkle Wald und mit ihm die Angst steht im Fokus, nicht mehr die spitzen und harten Dornen, nicht mehr das Schmerzhafte und Wehtuende, auch nicht mehr das schon lange Abgestorbene, Vertrocknete und Tote. Der Blick geht jetzt nach innen. Das Lied spricht vom Herzen und damit von der Mitte, vom Lebenszentrum; dort ist Neues verborgen, da wächst neues Leben, von keinem Menschen erdacht und gemacht, neues Leben, das von Gott kommt, neues Leben, das schutzbedürftig ist, das behütet sein will. Maria trägt den unter ihrem Herzen, den das Volk Israel seit langem ersehnt hat: den verheißenen Retter, Messias, Gottes ewiges Wort, den Immanuel - Gott mit uns.

Und wieder läßt das Adventslied das „Kyrie eleison“ erklingen. Denn das Neue, das in uns heranwächst, ist sehr verletzlich. Wir können es nicht aus eigener Kraft schützen. Es braucht die Kraft von oben. Es braucht den liebenden Beistand Gottes und das liebende Du des Nächsten.

Das Gotteskind, das sie im Lied durch den harten Dornwald trägt, es wird in Armut geboren, es wird in einem harten Futtertrog liegen. Seine Eltern werden mit ihm Hals über Kopf auf die Straße müssen, über die Grenze, Asyl suchen in einem fremden Land.

Und wenn Jesus groß ist wird er einmal selber eine Dornenkrone tragen und es werden ihm die furchtbaren Wunden der Geißelung zugefügt. Und dann wird Maria mit ihm fühlen und mit ihm leiden. Und sie wird unter seinem Kreuz stehen. Jetzt trägt sie das Kindlein unter ihrem Herzen, dann liegt der tote Sohn auf ihrem Schoß.

„Da haben die Dornen Rosen getragen"

Es gibt keine Rosen ohne Dornen. Es gibt kein Leben ohne Wunden. Es gibt kein Leben ohne Leid. Aber es gibt eben nicht nur die Dornen, es gibt auch die Rosen. Es gibt nicht nur das Dunkel, es gibt auch das Licht. Es gibt nicht nur den Schmerz, es gibt auch die Freude. Es gibt nicht nur den Haß, es gibt auch die Liebe. Es gibt nicht nur den Streit, es gibt auch die Versöhnung und den Frieden. Es gibt nicht nur das, was wir bedauern und betrauern. Es gibt auch das Frohe und Helle, das Schöne und das Gute.

Die Frage ist, ob wir es sehen, ob wir es wahrnehmen? Können wir uns noch freuen darüber? Können wir noch danken dafür? Oder ist es für uns selbstverständlich. Können wir vielleicht besser jammern und lamentieren als uns freuen und danken? Denken wir zu destruktiv? Sehen wir alles negativ?

Bewahren wir uns einen Blick für die Rosen!

Das ist heilsam, das tut gut. Das stärkt und gibt Kraft.

Das ist Balsam für die Seele. „Die Seele nährt sich an dem, worüber sie sich freut“, sagt der hl. Augustinus.

Als Maria hindurchgeht durch die Dornen – das noch ungeborene Jesuskind unter ihrem Herzen – da beginnt es im dürren, düsteren Wald zu blühen. Die Dornen blühen, und zwar nicht nur ein paar zaghafte Blättchen. Der Dornwald blüht!

Wo Jesus hinkommt, da beginnt die Zeit der Rosen.

Wo Jesu hinkommt, das wandelt sich Finsternis in Licht, Trauer in Freude, Tot in Leben. Die Begegnung mit Jesus lässt heil werden an Leib und Seele.

Und Jesus selber bleibt nicht im Tod. Bosheit, Gewalt und Tod haben nicht das letzte Wort.

Wer ihm wirklich begegnet, der spürt das Wunder der Verwandlung: der bleibt nicht blind, sondern sieht sein Leben in einem anderen Licht; der bleibt nicht taub, sondern hört plötzlich auch die leisen und bittenden Töne in seiner Umgebung; der bleibt nicht stumm, sondern wird mündig und macht den Mund auf, wo Gerechtigkeit und Wahrheit auf dem Spiel stehen. Wenn wir mit der Botschaft Jesu im Herzen zu den Menschen gehen, dann beginnt dort, wo die anderen nur Dornen sehen, schon die Zeit der Rosen.“

„Maria durch ein Dornwald ging“: ein Lied der Verheißung, ein Lied der Hoffnung, ein Lied, das Zuversicht schenkt. Denn es rechnet damit, daß Unmögliches möglich wird. „Für Gott ist nichts unmöglich.“