Monatsandacht 09 / 2017
Wer zu spät kommt

„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Diesen Satz hat Michael Gorbatschow so nie gesagt, aber er stimmt. Zu spät kommen hat immer Folgen. Man verpasst den Zug. Die Tür ist verschlossen. Ich kenne das noch aus meiner Schulzeit. Wenn ich da zu spät kam, musste ich klingeln und der Hausmeister kam mit dem Schlüssel. Peinlich.
Manche kommen immer zu spät. Vielleicht glauben sie, damit besser wahrgenommen zu werden. Auch peinlich.
Und viele Menschen fühlen sich generell so, als würden sie immer zu spät dran sein. Immer sind andere vor ihnen. Immer sind die besten Plätze weg. Es gibt auch so ein gesellschaftliches Grundgefühl, immer der Letzte zu sein. Ein Verlierer.
Gerade in Zeiten des Wahlkampfes ist das ein beliebtes Thema: Die Gewinner sind die anderen, die Reichen und Privilegierten! Soziale Themen, wie Gerechtigkeit und Verteilung von Geld, werden dann zum kurzzeitigen Diskussionsstoff in Talkshows. Das kommt bei vielen Menschen gut an. Denn jeder will nach vorn.
Wieder kommen bei mir Bilder hoch. Im Sportunterricht gab es bei der Bildung von zwei Mannschaften so ein Auswahlverfahren. Die zwei besten Sportler wählten sich abwechselnd ihre Mannschaft aus. Und wer zuletzt dastand, den wollte, brauchte eigentlich keiner. Ich frage mich heute: Wieso hat der Sportpädagoge nicht die zwei schlechtesten Schüler wählen lassen? Dann wären die Letzten auch einmal die Ersten gewesen und hätten ein anderes Selbstbewusstsein entwickeln können.
„Und siehe, es sind Letzte, die werden die Ersten sein, und sind Erste, die werden die Letzten sein.“ So steht es in der Bibel und ist der Monatsspruch für September. Es kann also auch ganz anders kommen. Da rechnet sich einer seine Chancen aus, nachdem er sich abgemüht und hochgearbeitet hat. Aber es wird anders entschieden. Da versteht man doch die Welt nicht.
„Und siehe, es sind Letzte, die werden die Ersten sein, und sind Erste, die werden die Letzten sein.“ Das ist bitter für die, die sich angestrengt haben und viel dazu getan haben, vor den Menschen und Gott gut dazustehen. Klar rechnet man sich schon mal aus, was das bringt, nämlich eine Belohnung. Wenn die nicht schon auf Erden kommt, dann kommt sie eben im Himmel. Dahinter steckt unser Tun-Ergehen-Denken. Das ist ganz alt und unverwüstlich.
Luther hat den Ablasshandel auch deshalb so scharf kritisiert, weil dahinter eben dieses Denken steckt: „Lieber Gott, ich habe doch dies und das getan oder gelassen, jetzt könntest du mir doch dies und das geben. Ich habe doch bezahlt, also muss mir der Himmel offenstehen.“
Solches Handeln mit Gott, sagt Jesus, verbietet sich. Wer es dennoch tut, könnte sich noch sehr wundern. Womöglich gehört er nicht zu den Ersten, wozu er gefühlt gehört, jedenfalls nach eigener Ansicht.
Ebenso könnten sich die wundern, die meinen, immer und überall die Letzten gewesen zu sein. Auf einmal stehen die Letzten ganz vorn. Viele werden sich wundern. Denn „allein aus Gnade“ leben wir vor Gott. Und er bestimmt. Nicht wir. Dabei steht uns immer die Möglichkeit zur Umkehr offen. So gestalten wir heute schon Gottesreich.