Monatsandacht 06 / 2016
Meine Stärke und mein Lied ist der Herr, er ist für mich zum Retter geworden. (2. Mose 15,2)

Es ist ein besonderes Lied, kein Lied für alle Tage, das da über dem Monat Juni klingt. Im Hintergrund schwingt die Erfahrung eines ganzen Volkes: „Damals sang Mose mit seinem Volk so: „Ich singe dem Herrn ein Lied, denn er ist hoch und erhaben. Rosse und Wagen warf er ins Meer. Meine Stärke und mein Lied ist der Herr, er ist für mich zum Retter geworden. Er ist mein Gott, ihn will ich preisen; den Gott meines Vaters will ich rühmen.“
Die Israeliten wussten, sie war nicht selbstverständlich, ihre Rettung aus der Sklaverei. Es war knapp. Ganz knapp sind sie ihren Unterdrückern entkommen – durch Gottes Hilfe. Das muss man erst mal merken und erkennen. Und so bricht es aus ihnen heraus, nachdem sie das sichere Ufer erreicht haben. Da singen Familien, Kinder, alte Menschen, Väter, Mütter, Schwestern, Brüder, Großeltern und Enkel. Menschen, die hart gearbeitet haben, die manchmal gerade eben noch überleben konnten während der Zeit in Ägypten. Steine schleppen und behauen mussten sie. Pyramiden bauen für die Pharaonen. Sie waren Knechte und Mägde ohne alle Rechte. Hier singen die befreiten Opfer. Ein Chor ehemaliger Sklaven, all das klingt noch mit. Aber nun gehört es der Vergangenheit an. Sie sind frei, befreit worden durch ihren Gott. Anders können und wollen sie es nicht sehen. „Gott hat uns heraus geführt aus Ägyptenland“, da sind sie ganz sicher. „Gott hat uns befreit aus der Knechtschaft“, das bekennen Juden bis heute im Schema Israel.
Und wie klingt es uns heute in den Ohren? Sagen wir noch Danke? Danke für alle Freiheit, für unsere grenzenlose Welt? Oder können wir uns überhaupt noch in Menschen hineinversetzen, die auf der Flucht sind? Die gerade ein Meer überquert haben?
Wie klingt uns heute das Lied von dem Gott, der auch heute noch solidarisch an der Seite der Opfer steht? Das Lied von dem Gott, der befreit hat und befreien wird?
Mose fiel ein Stein vom Herzen, und er stimmte es an. Es ist ein persönliches Lied, aber auch ein Lied des Volkes, also durchaus politisch, wenn es um die Befreiung aus ungerechten Strukturen und Verhältnissen geht.
So fällt uns vielleicht die eine Strophe schwer zu mitzusingen, eine andere wieder leicht. Dass sich der Glaube an Gott nicht jeden Tag mit dem eigenen Erleben deckt, das ist eine Erfahrung, die Glaubende seit Tausenden von Jahren machen. Auch in unserem Leben lässt sich Gottes Eingreifen nicht immer fassen. Aber die Worte der Bibel ermuntern uns, darauf zu hoffen und darauf zu vertrauen,
Es bleibt ein besonderes Lied, aber vielleicht doch ein Lied für alle Tage: Für die schweren Tage, weil sie daran erinnern, dass die Stärke nicht aus uns kommt. Für die leichten, gelassenen Tage, denn sie erinnern uns, dass sie ein Geschenk sind und wir einstimmen können in das Lob Gottes: „Meine Stärke und mein Lied ist der Herr!“